{Diskussion} Warum ich (fast) nur noch für mich nähe

Jeder Mensch, der eine Nähmaschine besitzt, hat wahrscheinlich auch diese eine Art von Freunden. Freunde, die dann sagen: „Ach, du nähst? Könntest du mir meine Hosen kürzen? Könntest du mir nen neuen Sofabezug nähen? Oh, dein Pulli ist selbstgenäht? Kannst du mir auch so einen machen?“
Ein klein bisschen Stolz fühlt man dabei natürlich. Du kannst etwas, das andere nicht können und sie bitten dich um Hilfe. Guten Freunden und der Familie tut man den einen oder anderen Gefallen natürlich auch sehr gern. Trotzdem habe ich irgendwann den Entschluss gefasst, das nur noch im Ausnahmefall zu tun. Und hauptsächlich für mich zu nähen. Nur für mich.

Eigenen Kopf durchsetzen und aus der Reihe tanzen

Wenn ich für mich nähe, entsteht das Projekt von Anfang an in meinem Kopf. Ich weiß genau, was ich will und was ich nicht will. Ich kann experimentieren, mal was Neues probieren und im Zweifelsfall von Vorn anfangen. Die Ideen von anderen entstehen in anderen Köpfen. Und die müssen dann verbal oder schriftlich kommuniziert werden. Da ist das Risiko leider manchmal groß, dass das Endprodukt nicht 100%ig den vorherigen Vorstellungen entspricht. Ich kann nicht aus der Reihe tanzen, sondern muss nach Anweisung arbeiten. Das finde ich zum einen ziemlich langweilig, zum anderen einfach nicht erfüllend.

Zeit haben

Kennt ihr den Insta-Hashtag #nähenistmeinyoga? Da ist so viel Wahres dran. Einem Kleidungsstück oder einer Tasche beim Entstehen zuzuschauen hat auch ein bisschen was meditatives, finde ich. Und es ist ein ereignisreicher Weg, der umso spannender wird, wenn ich mich mal richtig auspowern oder mir auch mal richtig Zeit lassen kann. Ich mit mir und der Nähmaschine. Ohne Termindruck von außen, weil der Nachbar die Hose bis Samstag wieder zurück braucht.

Stolz sein und seine Arbeit wertschätzen

Jedem, der mich fragt, ob ich ihm nicht auch so einen Pulli nähen könnte, antworte ich mittlerweile: „Danke, dass dir mein Pulli gefällt. Nein, ich nähe eigentlich nur für mich selbst. Einfach weil es so schön ist, etwas zu tragen, was man selbst mit viel Herzblut genäht hat. Da steckt viel Liebe und Arbeit drin. Aber wenn du möchtest, zeige ich dir gern, wie es geht.“
Das hat nichts mit Ablehnung oder so zu tun. Ich bin einfach ehrlich zu mir selbst und zu meinem Gegenüber: Meine Kleidungsstücke sind meine Kleidungsstücke, die ich mir nähe, weil sie mir gefallen. Meine Arbeitszeit, meine Ideen und meine Mühe kann ich dir nicht einfach so zur Verfügung stellen.
Wer den Wert einen solchen Kleidungsstücks wirklich kennenlernen möchte, geht auf mein Angebot ein. Das ist bisher genau einmal passiert. Alle anderen lenken ein und gestehen: „Ach du, nee… schon gut. Ich fand den Pulli einfach nur schön.“

Ausnahmen machen

Das schöne an meinen eigenen Regeln ist ja: Ich kann auch die Ausnahmen selbst bestimmen. Ich nähe nämlich natürlich nicht zu 100% für mich selbst. Ich mag es auch, selbstgenähtes zu verschenken. Meine Mama bekam mal eine Tunika und ein Cardigan zum Geburtstag. Der Herzmann einen Hoodie zu Weihnachten. Und so ein Kosmetiktäschchen mit Inhalt kommt bei den Mädels auch immer gut an.
Aber das ist dann eben auch was anderes: Ich wähle den Stoff und Schnitt. Ich teile mir meine Zeit ein und muss nur meinen eigenen Ansprüchen und niemand anderem gerecht werden. Und weil solche Geschenke eben Ausnahmen sind, werden sie doppelt wertgeschätzt. So kommt es zumindest bei mir an und das ist schon ein tolles Gefühl!

Wie siehst du das? Nähst du auch am liebsten für mich selbst? Oder eher gar nicht, weil du hauptsächlich deine Kinder einkleidest? Wie viele Gefallen tust du im Freundeskreis?

28 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

                        Schreibe einen Kommentar

                        Pflichtfelder sind mit * markiert.