{Diskussion} Vom Anspruch, dass Selbstgenähtes wie Gekauftes aussieht

Letzte Woche habe ich meinen Kleiderschrank von Sommer auf Winter umgestellt.
Bei dieser Umräum-Aktion fiel mir wieder auf, wie sehr sich meine Garderobe verändert hat, seit ich nähe. Seit ich richtig mit Plan und Vorsatz nähe. Über 80% sind selbstgenäht, schätze ich. Und das sieht man meinem Kleiderschrank nicht an.

Blazer (Spit up and Stilettos) // Kleid (Schneidernmeistern) Kleid (Milchmonster) // Lederjacke (Burda)

Jeder Mensch hat seinen eigenen Stil. Ich mag diesen gedeckten, recht schlichten Stil mittlerweile sehr gern. Und ich mag es, dass ich mir diesen Weg durch das Selbernähen absolut individualisieren konnte. Für mich stehen die selbstgenähten Teile den Gekauften in nichts nach. Deshalb bin ich letztens ziemlich ins Grübeln gekommen, als ich bei Kira von The Couture die Sätze las…“[…] oder sahen schon von Weitem aus, wie „typisch selbstgenäht“.“ und „Jeder der nähen kann, kann auch eine Jeans nähen , die aussieht wie aus dem Geschäft.

In Kiras Post ging es um den perfekten Schnitt für eine Jeanshose. Sie wurde in den Weiten des Internets absolut nicht so fündig, wie sie sich das vorgestellt hat. (Positiver Nebeneffekt für uns: Sie hat daraufhin einen Jeansworkshop entwickelt, der kurz vor der Veröffentlichung steht! Ich bin schon sehr vorfreudig gespannt darauf! :) )
Und als ich diesen Satz so las, schossen mir viele Gedanken durch den Kopf. Wie sieht denn typisch selbstgenäht aus? Warum ist es ein Ausschlusskriterium, wenn man einem Kleidungsstück ansieht, dass es selbstgenäht ist? Warum will ich etwas industriegefertigtes nacharbeiten? Ich könnte doch was ganz eigenes erschaffen? Ist das ein spezielles Problem mit Jeanshosen oder kann einem das mit allen Kleidungsstücken so gehen? Oder ist vielleicht eine bestimmte Art von Modestil gemeint, wenn man von „Selbstgenäht“ spricht?
Weil das Thema auf einmal sehr spannend fand, habe ich mir mal vertiefende Gedanken zum Thema gemacht.

Das Phänomen selbstgenähte Jeanshose

Vielleicht hast du es bei mir schon gelesen: Ich habe mich Anfang 2016 zum ersten Mal überhaupt an eine Jeans gewagt. Mit mäßigem Erfolg und dem Ergebnis, dass ich die Hose wirklich nur zwei oder drei Mal getragen habe. Dann kam der Sommer 2017 und ich wollte es nochmal wissen. Doch so richtig von Erfolg gekrönt war es auch diesmal nicht. Beide Hosen habe ich zwar häufig und gern getragen, von einer perfekt sitzenden Jeans sind allerdings sowohl die mintgrüne als auch die korallefarbene noch weit weg.

Februar 2016 // Mai 2017 // Mai 2017

Eine Jeans zu nähen ist tatsächlich eine große Aufgabe. Die Passform zu perfektionieren ist etwas, was (zumindest mir) nicht leicht von der Hand geht. Allerdings: Auch meine beiden gekauften Hosen sitzen leider nicht perfekt. Sie sitzen gut, sonst hätte ich sie nicht gekauft. Aber nicht so optimal, wie ich es mir wünschen würde. Deshalb entstand ja überhaupt der Wunsch, es mal mit dem Selbernähen zu probieren. Wenn ich mal wieder etwas mehr Luft habe, werde ich auch auf jeden Fall einen erneuten Versuch starten!

Typisch selbstgenäht?

Es gibt so bestimmte Teile, die ich bei anderen sofort als selbstgenäht identifizieren kann. Das liegt entweder an der Stoffauswahl oder an der Schnittauswahl. Ich kann das jetzt gar nicht genauer beschreiben, ich denke, ihr wisst, was ich meine. Es ist definitiv so, dass ich mit der Aussage „typisch selbstgenäht“ etwas anfangen kann. Ich habe gerade am Anfang meiner Nähkarriere auch Teile produziert, die ich heute nie und nimmer mehr anziehen würde. Wenn ich Freunden davon erzähle, benutze ich auch oft die Beschreibung „typisch selbstgenäht eben“.

Die erste Martha von Oktober 2013 // Eine aktuelle Martha, die ich immer noch trage von November 2015

Heute ist es so, dass bestimmte Freundinnen mich regelmäßig fragen: „Und, was aus deinem Outfit ist heute selbstgenäht?“ Tatsache ist, dass ich bei dieser Frage erstmal an mir runterschauen muss. Ich greife morgens nicht (mehr) bewusst zu etwas Selbstgenähtem. Wenn ich es dann kurz erkläre, kommt dann manchmal „Sieht cool aus, passt zu dir!“ oder „Steht dir!“ oder auch ganz direkt „Hab ich mir schon gedacht, ist einfach dein Stil!“
Als ich eine Freundin mal direkt angeprochen habe, ob sie in einem normalen Alltagsoutfit erkennen könnte, ob die Sachen selbstgenäht sind oder nicht, meinte sie: „Da würde ich gucken, ob ein Schildchen hinten drin ist :D“

Muss Selbstgenähtes wie Gekauftes aussehen?

Jein. Jeder hat einen eigenen Anspruch an die Kleidung, die er trägt. Ich denke, der Anspruch „Wie gekauft aussehen“ trifft bei mir nur in dem Zusammenhang zu, dass es einfach einem bestimmten aktuellen Look entspricht. Bestimmt spielt es auch ein bisschen mit rein, dass bei „Gekauftes“ grundsätzlich eine saubere Verarbeitung, keine Notlösungen und Fehler, die richtige Materialwahl, abgestimmte Details etc. assoziiert wird.
Bei Jeans sind es in meinen Augen die abgesteppten Nähte, die nur mit dickerem Garn richtig gut aussehen. Ein richtiger Jeansknopf und vielleicht noch die Nieten an den Taschen. Ich persönlich stehe jetzt nicht so auf den Used Look, aber auch der macht die Optik einer „gekauften“ Jeans aus.
Im Endeffekt muss deine Klamotte so aussehen, dass sie dir gefällt. Und wenn dir die Jeans im Laden gefällt und du sie aus Gründen nicht kaufen sondern selbernähen möchtest, dann ist es völlig okay den Anspruch zu haben, das Selbstgenähtes wie gekauftes aussieht.
Im Vordergrund steht trotzdem: Nähe und trage das, was dir gefällt. Egal ob andere es als „typisch selbstgenäht“ betiteln ;)

Danke Kira für die Inspiration für diesen Post! Und danke auch schon im Voraus für deinen Jeansworkshop! Ich bin sicher, er wird richtig gut und mich auf dem Weg zur perfekten Jeans einen Schritt weiterbringen! :)

Und du?
Welchen Anspruch hast du an deine Nähwerke?
Hast du dich bisher vor der Jeans gescheut, weil du Angst hast, dass sie einfach nur „typisch selbstgenäht“ aussieht?

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